„Ich auch“

Patricia Lorenz hat gerade den Realschulabschluss hinter sich, jetzt geht es ans Abitur

 

Von M. Schneider-Stranninger

 

Inklusion ist in aller Munde. Lange bevor das so war, hat Patricia Lorenz dank der Hartnäckigkeit ihrer Eltern Inklusion eingefordert und gelebt. Gerade hat die 16-jährige Rollstuhlfahrerin, die an Muskelschwund leidet, ihre Mittlere Reife an einer Regelschule - der Realschule der Ursulinen-Schulstiftung - absolviert. Mit brillantem Ergebnis. Sie war dort die erste Schülerin mit einer so schweren Körperbehinderung. Im Unterricht ist sie auf Assistenz angewiesen. Ihre Kraft und Beweglichkeit sind erheblich eingeschränkt, nachts muss sie beatmet werden. „Wir waren als Schule offen", bilanziert Schulleiter Johannes Dieckmann. „Patricia hat Pionierarbeit geleistet. Jetzt wissen wir, wie es geht."

Zwischenzeitlich war sie nicht mehr die einzige Rollstuhlfahrerin an der Ursulinen-Realschule. Es gibt drei weitere, eine davon wurde in der fünften Klasse prompt zur Klassensprecherin gewählt. Patricia hat Mut gemacht und geht jetzt selber mutig den Weg Richtung Abitur. An einer Regelschule versteht sich. Das benachbarte Gymnasium der Ursulinen-Schulstiftung geht mit Patricia Lorenz diesen Weg, obwohl das Schulhaus als charmanter Altbau voller Flair, aber nicht gerade hürdenlos ist. Eigens wird ein Klassenzimmer mit der Fachakademie für Sozialpädagogik getauscht. Und einige weitere Handstände werden gemacht, sogar Unterricht per Skype soll in einzelnen Fächern zum Einsatz kommen, berichtet Johannes Dieckmann. Patricia Lorenz ist entschlossen zum Erfolg und die Schule mit ihr.

Dankbarkeit am Etappenziel

In den vergangenen sechs Jahren hat sich bei ihr mehr als nur Solidarität mit der eigenen Schule entwickelt. Patricia ist froh und ihre Mutter sehr sehr dankbar, dass ihr ein Schulabschluss an einer Regelschule ermöglicht wurde. Es ist beiden ein Anliegen, nach Erreichen einer wichtigen Etappe Danke zu sagen und anderen jungen Menschen mit Behinderung Mut zu machen, es auch zu probieren.

Patricia macht kein Hehl daraus, dass Kompromisse nötig waren. Die Schulsekretärin hat ihr jeden Morgen die Tür geöffnet, erzählt sie. Und ein Aufzug im Neubau sowie eine Rampe in der Aula hätten den Alltag erleichtert. Der Physiksaal im Altbau sei dennoch unerreichbar geblieben. Patricia erhielt eine extra Stunde mit einer Lehrkraft im Klassenzimmer. Als sie in der siebten Klasse acht Wochen krank zu Hause bleiben musste, haben sie Mitschülerinnen und Lehrer beim Unterrichtsstoff auf dem Laufenden gehalten. „Patricia ist eine sehr gute Schülerin", ergänzt Johannes Dieckmann. Er erinnert sich an die Abschlussprüfungen, die Patricia in einem Extra-Raum absolvierte, denn sie ist auf Assistenz angewiesen, die ihr die Hände ersetzt und nach ihrer Ansage arbeitet, ihr Laptop ein- und ausschaltet, Blätter abheftet oder Zeichnungen erstellt. Dazu stand ihr bisher im Unterricht ein Zivildienstleistender und später eine Lehramtsanwärterin zur Verfügung.

Buchstabe für Buchstabe

Ansonsten arbeitet Patricia mit einer Hand, den rechten Arm braucht sie zum Abstützen, die linke Hand hat einen eingeschränkten Aktionsradius. Sie bringt Buchstabe für Buchstabe mit Hilfe einer Computer-Maus auf einer Tastatur am Bildschirm in Stellung. Auf diese Weise hat sie bei der Prüfung eine ganze Erörterung verfasst. Thema: „Vorteile eines Praktikums und mögliche Probleme". Fremd war ihr das Thema nicht, denn sie hat selber

schon ein Praktikum bei der Sparkasse absolviert. „Es ist ein Super-Abschluss in Deutsch geworden", sagt Johannes Dieckmann. Patricia habe dabei lediglich den zeitlichen Nachteilsausgleich beansprucht, schließlich braucht sie viel länger, um einen Text niederzuschreiben. Ansonsten stellte die Prüfung dieselben Bedingungen an sie wie an ihre Mitschülerinnen.

Die Kooperation mit der benachbarten Papst-Benedikt-Schule für Körperbehinderte während der letzten Jahre hatte für sie einen besonderen Stellenwert. „Wir haben gemeinsam Theater gespielt und Musik gemacht", erzählt sie.

Ansonsten, meint sie, sei sie nicht anders als ihre Altersgenossen. „Ich höre gern Musik, lese spannende Jugendbücher, gehe gern shoppen und ins Kino." Und so sei sie von ihren Mitschülerinnen auch wahrgenommen worden. „Als Person - Handicap hin oder her." Zugegeben, etwas mit anderen zu unternehmen, erfordere mehr Aufwand, vor allem aber Planung. „Ich brauche immer einen Chauffeur. Ich muss mir vorher überlegen, wo ich hingehe, ob da Treppen oder andere Hürden sind. Selbst im Cinemax in Regensburg sind mir nur drei von neun Kinos mit dem Rollstuhl zugänglich." Eine Stufe bis 20 Zentimeter sei zu schaffen, mehr gehe mit dem Elektrorollstuhl nicht. Spontane Unternehmungen seien da schwierig.

Selbst die Abschlussfahrt nach Paris hat Patricia mitgemacht. Im Bus war das freilich nicht möglich. Ihre Eltern fuhren mit ihr im Privatauto und trafen mit der Klasse am Ziel zusammen. Sie wohnte in einem behindertengerechten Hotel. „Man muss kompromissbereit sein", ist sie mit ihrer Mutter einig. „Aber wir haben auch immer Kompromisse gefunden." Das sei gleichzeitig ein Lernprozess für alle Beteiligten gewesen. Das Programm der Reise hat sie gemeinsam mit den anderen absolviert: Notre Dame, Louvre, Versailles, Disneyland - und Rock Cafe", erzählt sie lachend. „Schön war's."

„Es war der richtige Weg"

Im September wird sie ins Gymnasium wechseln und in drei Jahren ihr Abitur anstreben. Ihr bisheriger Fahrdienst wird sie weiterhin morgens von ihrem Wohnort Pfatter zur Schule bringen und wieder abholen. Berufliche Pläne sind noch vage, aber in die soziale Richtung werde es gehen, meint sie. Ihr ganzes bisheriges Schulleben vom Kindergarten über Grundschule und Realschule hat sie in Regeleinrichtungen absolviert. „Es war der richtige Weg", so ihr Fazit, „Ich würde alles wieder so machen." Ihre Mutter nickt, die Anfänge, die sie erst entschlossen erkämpfen musste, hat sie aber noch sehr präsent. Die Motivation dazu habe Patricia gegeben. Sie erinnert sich, als ihre Tochter zweieinhalb Jahre alt gewesen sei, habe sie sehnsüchtig den anderen Kindern und ihrem älteren Bruder auf dem Dreirad oder Fahrrad nachgeblickt und „Ich auch" gerufen. Auch wenn viele abgewunken und abgeraten hätten, habe sie damals ihren ersten Elektrorollstuhl bekommen. Und sie sei den anderen hinterhergeflitzt. Man müsse auch den Mut haben, mal etwas auszuprobieren, meint die Mutter.

Umso besser, wenn man Mitstreiter finde. Als Dank hat Patricia alle, die sie auf dem bisherigen schulischen Weg bis zur Mittleren Reife begleiteten, zu einem bayerischen Abend eingeladen. Alle sind gekommen. Es war ein großes Fest.

Sie hadere nicht mit ihrem Schicksal, sagt Patricia. „Ich lebe mit der Krankheit und den dadurch bedingten Einschränkungen, weil es immer so war. Ich bin zufrieden. Wenn man gut drauf ist, ist alles leichter. Ich glaube, ich bin einfach ein positiv denkender Mensch."

Bericht im Straubinger Tagblatt

wz13-08-30