Was ist ein Menschenleben wert? ...

 

... diese Frage schwebte noch lange nach der Neuinszenierung von Friedrich Dürrenmatts Komödie "Der Besuch der alten Dame" im Raum. Die vierköpfige Wiener Schauspieltruppe "forum theater" brachte mit wenig Requisiten und einem einfach gehaltenen Bühnenbild die eher anspruchsvolle, aber durchaus aktuelle Thematik der Abrechnung mit der Heuchelei und Ehrlosigkeit einer scheinbar integeren Gesellschaft den Neunt- und Zehntklässlerinnen der Ursulinen Realschule näher und so tauchten die Schülerinnen in die Welt der Güllener ein.

DIe Millionärin Claire Zachanassian ist in ihren Heimatort, die Kleinstadt Güllen, aus der sie vor über vierzig Jahren mit ihrem unehelichen Kind vertrieben worden war, zurückgekehrt. Der - dank Claires heimlichen Machenschaften - verarmte Ort hofft, die ehemalige Mitbürgerin werde sich als Wohltäterin erweisen. In der Tat ist Claire Zachanassian bereit, der Stadt eine beträchtliche Summe zu schenken - unter der Bedingung allerdings, dass ihr ehemaliger Geliebter, der Kaufmann Alfred Ill, Vater ihres Kindes, getötet und ihr zu Füßen gelegt werde. In einem Prozess hatte Ill damals mit bestochenen Zeugen seine Vaterschaft erfolgreich bestritten.

Die moralsiche Entrüstung der Güllener ist zunächst groß: Empört weisen sie den Handel mit der Millionärin zurück. Doch zugleich erhoffen sie auch das Geld: Sie machen Schulden, lassen bei den Kaufleuten, auch bei Ill, anschreiben. Claire Zachanassian, die in die höchsten Kreise aufgestiegen ist, residiert währenddessen in einem heruntergekommenen Hotel. Die aufblühende Wirtschaft in Güllen versetzt die Menschen in einen allgemeinen Konsumrausch. Für Ill wird die Lage allmählich bedrohlich. Er versucht, zu fliehen, bleibt aber dann doch und will sich zu seiner Schuld bekennen.

Die Stimmung schlägt um: Seine Mitbürger beschließen, ihn zu töten. Der Bürgermeister findet dafür eine "elegante" Lösung: Um den moralisch verurteilten Ill zu rehabilitieren, soll er im Namen der Stadt die Stiftung der Millionärin entgegennehmen. Als Ill in eine von den Bürgern gebildete Gasse tritt, schließt diese sich plötzlich. Als sie sich wieder öffnet, liegt er tot am Boden: "Herzschlag", wie der Arzt feststellt.

Ills Erkenntnis seiner sittlichen Verfehlung bewahrt die Bürger Güllens nicht vor einer kollektiven Schuld. Ihre Moral ist käuflich geworden. Verlogenheit und Heuchelei brechen hinter der Fassade der Wohlanständigkeit auf.

 

15-22-01 Hs