2025 08 05 Hb Rotoren an Zweifel aus 1Yasmine Rietsch fliegt für Menschen in Not. Mit 22 Jahren ist sie Pilotin in der Luftrettung. Ihr Weg dorthin war lange, anspruchsvoll und einsam. Doch für sie stand früh fest: Wer in die Luft möchte, muss auch Gegenwind aushalten. Eine Erklärung hat Yasmine Rietsch nicht. Sie weiß nicht recht, warum sie vom Fliegen und Helfen so fasziniert ist. Vermutungen hat sie dann aber doch. Schon als Kind begeistert sie sich für unser Universum: „Und Fliegen ist eben das, was einen am nächsten zu den Sternen bringt.“ Außerdem ist die 22-Jährige aus Haselbach im Landkreis Straubing-Bogen ein sozialer Mensch: „Wenn jemand Unterstützung braucht, bin ich die Erste, die hilft.“ Eigentlich ist es also doch naheliegend, dass sie Hubschrauberpilotin in der Luftrettung geworden ist. Vor wenigen Wochen ist Yasmine erstmals im Einsatz, als Teil der Luftrettungsstation Halle-Oppin in Sachsen-Anhalt. Die DRF-Luftrettung betreibt diesen Standort. Dort ist die Niederbayerin seit Mai als Co-Pilotin angestellt und schon nach der ersten Dienstwoche Anfang Juli sagt sie: „Ich lebe meinen Traum.“

Flieger oder Helikopter: In der Luft zu sein, ist heute Alltag für Yasmine.

Dieser begann am Tag ihres ersten Schnupperflugs. Daran kann sich Yasmine noch genau erinnern: 29. Juli 2019, kurz zuvor hatte sie die Realschule abgeschlossen. Das war Voraussetzung ihrer Mutter, damit sich Yasmine ins Cockpit eines Fliegers setzen darf. Mit einem Fluglehrer hob sie auf der Startbahn in Wallmühle bei Straubing ab: „Wir flogen oberhalb der Wolkendecke und es sah aus, als könnte man darauf landen“, erinnert sich die heute 22-Jährige.Mittlerweile ist es für Yasmine Routine, wenn die Kufen den Boden oder die Reifen die Startbahn verlassen. „Doch ich weiß, was es für ein Privileg ist, zu fliegen“, sagt sie. Privat bevorzugt sie das Flugzeug, „weil man hier viel größere Strecken zurücklegen kann“. Beruflich ist die Wahl klar: der Hubschrauber. Genauer: eine H145 von Airbus Helikopters. Das ist ein moderner Intensivtransporthubschrauber mit dem Funkrufnamen Christoph Sachsen-Anhalt. Bevor Yasmine hier im Cockpit Platz nehmen durfte, absolvierte sie eine mehrmonatige Vorbereitung. Unter anderem gehörten dazu Schulungen zu den Spezifikationen der H145 und zum Crew Resource Management für das Zusammenspiel im Cockpit. Denn Luftrettung ist Teamarbeit.

2025 08 05 Hb Rotoren an Zweifel ausPPL(A) bis CPL(H): Viele Abkürzungen begleiten den Weg zur Pilotin.

Ihr Weg in die Luft beginnt für Yasmine mit der Privatpilotenlizenz für Flugzeuge, PPL(A), die sie im Mai 2021 abschließt. Im Oktober 2021 folgt die PPL(H), die Lizenz für Hubschrauber. Danach absolviert sie die CB-IR(A), eine Instrumentenflugberechtigung für Flugzeuge. Damit darf sie auch bei schlechten Sichtverhältnissen nach Instrumenten fliegen. Ab Oktober 2023 beginnt für sie die bislang intensivste Phase: die Ausbildung zur Berufspilotin für Hubschrauber, CPL(H). Neben umfangreicher Praxis gehören auch 13 Theoriefächer dazu – alle auf Englisch. Navigation, Meteorologie, Flugleistung, Luftrecht und viele weitere Themen stehen auf dem Stundenplan. Im April 2025 schließt Yasmine die Lizenz erfolgreich ab.

Ihr erster Dienst als Berufspilotin in Halle beginnt dann am 5. Juli 2025 um 6.30 Uhr. Das Team der Luftrettung lebt und schläft während der Schicht in einem Wohnblock beim Hangar. Am Morgen bespricht es die Wetterlage, überprüft den Hubschrauber und bereitet den Tag vor – oft vergeht dann nur wenig Zeit bis zu einem Einsatz. Nach spätestens zwei Minuten hebt das Team ab. Ihr erster Rettungsflug führt die 22-Jährige zu einer Seniorin, die schwer gestürzt ist.

Tagsüber besteht die Besatzung normalerweise aus einem Piloten, der als Kommandant den Einsatz leitet, einem Notarzt und einem Notfallsanitäter. Nachts fliegt die DRF-Luftrettung mit zwei Piloten aufgrund der erhöhten Anforderungen im Dunkeln. In ihrer Anfangszeit sitzt Yasmine auch tagsüber als Co-Pilotin im Cockpit, um den Einsatzalltag kennenzulernen, bevor sie ab September in den Nachtdienst übergeht.

Menschen in Not helfen, das ist Yasmine auch in Haselbach ein Anliegen. Sie ist Teil der Freiwilligen Feuerwehr und des First-Responder-Teams. Das leistet bei Notfällen Erste Hilfe, bis der Rettungsdienst eintrifft. Auch während ihrer Ausbildung rückt Yasmine aus, obwohl das Lernen fast ihren gesamten Tag einnimmt. Bis zu 13 Stunden arbeitet sie sich daheim monatelang durch Tausende Seiten Material. Für Hobbys und Freunde bleibt wenig Zeit. Um ein paar soziale Kontakte zu haben, jobbt sie als Kellnerin. Natürlich auch, um Geld zu verdienen. Denn Pilotin zu werden, ist teuer. Wer sich über den Beruf informiert, liest von sechsstelligen Summen.

„Wenn ich das durchziehe, habe ich nie wieder Arbeit“.

Während ihrer Ausbildung zur Privatpilotin absolvierte Yasmine parallel eine Lehre zur Kauffrau für Tourismus und Freizeit – auch, um einen Plan B zu haben. Denn in der Luftfahrt hängt vieles an der Gesundheit: Berufspiloten müssen sich einmal im Jahr einer medizinischen Tauglichkeitsuntersuchung unterziehen. Wer diese nicht besteht, darf nicht mehr fliegen.

Knapp fünf Jahre hat die 22-Jährige ihrem Traum fast alles untergeordnet und auf vieles verzichtet. Diese Disziplin ist beeindruckend, für Yasmine jedoch selbstverständlich. „Es ist das, was ich schon immer wollte“, erklärt sie. Ihr Vorsatz: „Wenn ich das durchziehe, habe ich nie wieder Arbeit, sondern mache meine Leidenschaft zum Beruf.“

Das bestätigt sich für die Haselbacherin schon nach ihrer ersten Dienstwoche in Halle: „Ich wollte danach gar nicht mehr nach Hause.“ Obwohl ihr erster Einsatz leider traurig endet, denn die gestürzte Seniorin stirbt an ihren schweren Verletzungen. Doch auch das gehört zum Alltag im Rettungsdienst dazu. Wie viel Positives, gerade die Dankbarkeit von Patienten.

Als Co-Pilotin übernimmt Yasmine Aufgaben, die ihr der Kommandant überträgt, zum Beispiel den Funkkontakt, die Navigation oder die Luftraumbeobachtung. Am Einsatzort unterstützt sie bei Bedarf auch das medizinische Team. In den kommenden Wochen wird die 22-Jährige zusätzlich für Flüge in der Dunkelheit mit Nachtsichtbrille geschult. Außerdem steht im August die nächste Qualifikation an: die Instrumentenflugberechtigung für Hubschrauber. Langfristig möchte Yasmine Kommandantin werden. Als solche ist sie fliegerisch für die Besatzung und die Maschine verantwortlich. Die DRF-Luftrettung hat auch in Regensburg einen Standort. Vielleicht führt Yasmines Weg sie also wieder näher an die Heimat: Zum Luftsportverein Straubing und auch der Stadt hat sie noch eine enge Verbindung und trifft sich bei einem Stammtisch mit anderen Pilotinnen.

Die Schattenseiten: Gerüchte, Neid und alte Freunde, die sich abwenden.

Derzeit sammelt sie aber wertvolle Erfahrung als Co-Pilotin und sagt selbst: „Es ist gut, dass ich mich noch auf meinen Kommandanten verlassen kann.“ Solche Aussagen zeigen: Yasmine kann sich selbst gut einschätzen. Das bestätigt auch ein Grundsatz, den sie sich gesetzt hat: „Ich mache nur das, was ich mir zu 100 Prozent zutraue.“ Eine wichtige Eigenschaft als Pilotin. Denn passiert Yasmine ein Fehler, kann das schnell fatale Folgen haben. Ebenfalls entscheidend für ihren Beruf: klare Entschlüsse treffen, Risiken gut einschätzen – und selbstbewusst auftreten. Gerade als junge Frau.

Denn die Pilotenszene ist nach wie vor männlich dominiert. Und über eine junge Frau vom Dorf auf dem Weg zur Berufspilotin wird geredet, leider nicht nur positiv. Manche konnten mit ihrem Weg nicht umgehen. Neid und Gerüchte erreichten die 22-Jährige. „Ich habe in den vergangenen Jahren viele frühere Freundschaften verloren“, sagt sie. Für Yasmine waren das harte Erfahrungen, an denen sie jedoch gewachsen ist. „Man muss nicht jedem gefallen“, sagt sie heute. „Wichtig ist, dass man auf sich selbst schaut und an seinen Träumen festhält.“

Nun belohnt sie sich für ihre Ausdauer. Im Juli hat sie gleich so viele Dienste wie möglich übernommen. Meist sind die Luftretter sechs Tage am Stück im Dienst, dann warten einige freie Tage. Die Arbeit ist intensiv, regulär gehen die Zwölf-Stunden-Schichten bis 18.30 Uhr, häufig wird es später.

Der Alltag in Halle fühlt sich für Yasmine fast an wie in einer WG. Im Schnitt leben rund zehn Personen in der Station. Zwischen den Einsätzen steht Büroarbeit an, für Pausen gibt es eine Tischtennisplatte. „Man hat zwar nicht viel Privatsphäre, aber das ist okay“, sagt Yasmine. „Ich starte jeden Tag mit einem Lächeln in den Dienst.“ Auch wenn es mal herausfordernde Zeiten geben wird: Yasmine weiß, damit umzugehen. Sie kann nun endlich das anwenden, was sie jahrelang gelernt hat.

Text und Bild: Florian Wende - Straubinger Tagblatt

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